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THE BEAUTY OF LIFE'S REALITIES
Dreaming Lhasa, a wonderfully 'different' film view of Tibet
By Cornelia Vogelsanger
25 July 2006, Neue Zürcher Zeitung, Switzerland

The three main characters of the first Tibetan feature film to be made in exile try to find out who they are and where they belong. They grew up in different worlds, being Tibetan unites them. They meet by chance in northern India, undertake an adventure together and then part. They each recover a piece of their identity through frictions, trauma and insights into political and personal affairs - therein lies a hope.

Tibetan Identity in Exile

The street children shout out "Western girl" to Karma, the American Tibetan who has come to India to make a personal contribution to the Tibetan cause. Dharamsala, a 'hill station' in British-India, has served as the seat of the Tibetan exile government and the Dalai Lama for over forty years - and as the focus of the Tibetan exile community that is spread over continents. This is where Karma, working on a film project, interviews refugees from Tibet about their experiences in Chinese prisons. She is shocked by what she hears. Karma has suspended her life in America. Occasionally she goes to a phone booth to call her child or partner in New York but doesn't seem particularly happy during these calls. Karma has never seen Tibet and states at one point that she has to "dream Lhasa".

The rock musician Jigme from Dharamsala helps Karma with the film project. His goal is to somehow get a US visa but he seems to be torn between uncritical enthusiasm for a western lifestyle and his engagement with Tibet. And then there is the mysterious Dhondup, ex-monk and former political prisoner from Tibet, who has come to India on his deceased mother's request. He is looking for an old man who disappeared years ago and in the end finds more than he ever dreamt he would. Ironically, the coveted ticket to the US is not offered to Jigme but to Dhondup who gratefully passes it up: his pregnant wife is waiting for him in Tibet. He will return to his occupied homeland.

Tibet is constantly present in the conversations and hearts of the protagonists - as a dream, wound, hope - but remains invisible. The brutality of the occupiers is not shown and neither can anything be read in the controlled, impassive faces of the witnesses narrating their experiences. There are no images that overwhelm or mythologise or glorify-the images of Tibet that are part of our cinema experience. The directors of Dreaming Lhasa deliberately leave this blank. The reality of life in exile is not depicted dramatically but has its own beauty and seems credible. Smaller scenes of documentary significance lend depth to the story although everything is handled with a light, deft touch. An unobtrusive, careful gaze is turned on the Dharamsala exile scene taking in the Indian surroundings. Nothing is whitewashed, caricatured or exaggerated. This gentle view provides considerable space for the people and events and leaves a lasting impression.

Financially solid sympathizers

The actors are almost all amateurs. Jigme is played with considerable skill by a rock musician from the local band called Exile Brothers; a retired civil servant plays an ex-guerilla fighter and a bank clerk from Washington plays the female protagonist with her American accent. In their natural reserve and dignity, the actors make an authentic impression.

Ritu Sarin and Tenzing Sonam, the filmmakers, are a married couple. As second generation Tibetans, they were born and brought up in India and have lived in the West besides spending many years in Dharamsala. They worked for 5 years on their first feature film and not only is their familiarity with the places and themes obvious but also their professionalism and personal touch, which has been honed in the course of their many documentaries mostly on Tibetan themes (their best known film to date, The Reincarnation of Khensur Rinpoche, 1991, had a successful run in Zurich cinemas a few years ago). Dreaming Lhasa is produced by Jeremy Thomas and Richard Gere. If it weren't for these financially solid sympathizers, we would have had to wait longer for the first feature film that challenges the conventional view of Tibet in a pleasant and thoughtful manner. The film has already won much acclaim at international film festivals but, as one learned at the Zurich premiere, massive Chinese pressure caused the film to be withdrawn from the programme of one such festival at the last minute.

ORIGINAL ARTICLE
25. Juli 2006, Neue Zürcher Zeitung
Die Schönheit der Lebenswirklichkeit
"Dreaming Lhasa" - ein erstaunlich "anderer" Filmblick auf Tibet

Die drei Hauptfiguren des ersten exiltibetischen Spielfilms versuchen herauszufinden, wer sie sind, wohin sie gehören. Aufgewachsen sind sie in verschiedenen Welten; was sie verbindet, ist ihre tibetische Abstammung. Sie treffen sich zufällig in Nordindien und gehen nach einer gemeinsamen Recherche bald wieder auseinander. Der Gewinn aus ihrer Suche ist für alle drei ein Stück eigene Identität - über Brüche, Verletzungen, leidvolle Einblicke in persönliche und politische Affären -, und darin liegt eine Hoffnung. Tibetische Identität im Exil

"Western girl!", rufen die Strassenkinder in Dharamsala der Amerika-Tibeterin Karma entgegen, die nach Indien gekommen ist, um ihren persönlichen Beitrag zur tibetischen Sache zu leisten. Dharamsala, ehemalige "Hill Station" von Britisch-Indien, dient seit über vierzig Jahren als Sitz der tibetischen Exilregierung und des Dalai Lamas - und als Fokus der über die Kontinente verstreuten tibetischen Exilgemeinschaft. Hier befragt Karma für ein Filmprojekt Flüchtlinge aus Tibet über ihre Erfahrungen in chinesischen Gefängnissen. Was sie zu hören bekommt, erschüttert sie. Ihr amerikanisches Leben hat Karma auf Zeit suspendiert. Ab und zu redet sie aus einer Telefonkabine mit ihrem Kind oder ihrem Partner in New York - und gerade glücklich sieht sie bei diesen Ferngesprächen nicht aus. Karma hat Tibet nie gesehen und bemerkt einmal, sie müsse "Lhasa träumen".

Der Rockmusiker Jigme, ein Secondo aus Dharamsala, hilft Karma beim Filmprojekt. Sein Ziel ist es, irgendwie an ein Amerika-Visum zu kommen, doch scheint er hin und her gerissen zwischen unkritischer Bewunderung für einen westlichen Lebensstil und seinem Engagement für Tibet. - Und dann ist da noch der etwas rätselhafte Dhondup, Ex-Mönch und ehemaliger politischer Gefangener aus Tibet, der im Auftrag seiner verstorbenen Mutter nach Indien kam. Er sucht einen alten Mann, der vor Jahren verschwand - und findet schliesslich mehr, als er sich träumen liess. Ironischerweise wird das begehrte Ticket nach Amerika schliesslich nicht Jigme angeboten, der sich so sehr darum bemüht, sondern Dhondup, der dankend ablehnt: In Tibet wartet seine schwangere Frau auf ihn. Er wird in sein besetztes Land zurückkehren.

Tibet ist ständig präsent in den Gesprächen und Herzen der Akteure - als Traum, Wunde, Hoffnung -, es bleibt aber unsichtbar. Auch die Brutalität der Besatzer wird nie ins Bild gebracht und zeichnet sich in den gefassten Gesichtern der berichtenden Zeugen kaum ab. Auf Bilder, die überwältigen, mythisieren oder auch verklären, wird konsequent verzichtet. Solche Tibetbilder sind Teil unserer Kinoerfahrung. Dagegen setzen die Autoren von "Dreaming Lhasa" bewusst eine Leerstelle und die unpathetische Beschreibung der Lebenswirklichkeit im Exil. Sie hat ihre eigene Schönheit und wirkt glaubwürdig. Kleine Szenen von dokumentarischer Aussagekraft verleihen der Erzählung Tiefe, doch alles wird mit leichter Hand skizziert, wie hingetupft. Ein unaufdringlicher, sorgfältiger Blick fällt auf die Exilszene von Dharamsala und streift auch die indische Umgebung. Da wird nicht beschönigt, nicht karikiert, da wird nach keiner Richtung hin übertrieben. Dieser sanfte Blick, der um Personen und Geschehnisse viel Raum lässt, berührt nachhaltig. Finanzkräftige Sympathisanten

Die Schauspieler sind fast ausschliesslich Laien. So wird Jigme mit bemerkenswertem Talent von einem Rockmusiker der lokalen Band Exile Brothers gespielt; ein pensionierter Beamter der Exilregierung gibt einen ehemaligen Guerillakämpfer und eine Bankangestellte aus Washington die weibliche Hauptfigur mit ihrem amerikanischen Akzent. In ihrer natürlichen Zurückhaltung und Würde wirken alle Akteure authentisch.

Ritu Sarin und Tenzing Sonam, die Filmautoren, sind ein Ehepaar. Als Tibeter der zweiten Generation sind sie in Indien geboren und aufgewachsen, haben auch im Westen und ausserdem mehrere Jahre in Dharamsala gelebt. Fünf Jahre haben sie sich auf ihren ersten Spielfilm vorbereitet. Eingeflossen ist nicht nur ihre Vertrautheit mit den Schauplätzen und der Thematik, sondern auch die Professionalität und die eigene Handschrift, die sich beide Filmschaffenden in einer Anzahl vorzüglicher Dokumentarfilme zu vorwiegend tibetischen Themen erarbeitet haben. (Ihr bisher bekanntester Film, "Die Reinkarnation des Khensur Rinpoche" von 1991, lief vor Jahren erfolgreich in Zürcher Kinos.) "Dreaming Lhasa" wurde von Richard Gere und Jeremy Thomas produziert. Gäbe es diese finanzkräftigen Sympathisanten der tibetischen Sache nicht, müsste man wohl noch eine Weile auf den ersten Spielfilm warten, der dem fremdbestimmten Tibetbild eine eigene, auf angenehme Weise nachdenkliche Sicht gegenüberstellt. Der englisch und tibetisch gesprochene Film ohne deutsche Untertitel fand auf diversen internationalen Filmfestivals Anerkennung, wurde aber auch schon, wie man anlässlich der Zürcher Premiere in Erfahrung bringen konnte, auf massiven chinesischen Druck hin kurzfristig aus dem Festivalprogramm genommen. (Kino Arthouse Movie in Zürich)

Cornelia Vogelsanger

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